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Sonntag, 8. November 2009

Konzert: Nils Petter Molvaer auf dem Jazzfestival in Neuwied, 07.11.2009

Obwohl mir “Jazz” schon häufig im Leben begegnete und ich aktiv zu Veranstaltungen unter diesem Titel beitrug, bezeichne ich mich nicht als Jazz-Freund. Daher fand das “Jazzfestival Neuwied” in den letzten 31 Jahren seiner Existenz ohne mich statt. Doch dieses Jahr lockte Nils Petter Molvaer und das ließ ich mir nicht entgehen.

Zu Beginn tapsten Susanne And The Magical Orchestra die Bühne. Das sind Susanna Karolina Wallumrod als Susanna und Morten Qvenhild als Magical Orchestra. Die Band kannte ich bislang nur durch deren Cover-Version von AC/DCs “A long way to the top”, welches auf dem Fury-Abschiedskonzert als Intro dienen durfte und durch eine fast ebenso reduzierte Version von “Love will tear us apart”.

Aber siehe da, die Band hat weit mehr zu bieten als nur Cover-Versionen. Da wird Musik zwischen Björk, Tori Amos und Bat For Lashes geboten. Damit befinden wir uns genau dort, wo Frauengesang für mich am besten funktioniert. Das war z. T. trotz magerer Instrumentierung eine intensive Vorstellung, welche die beiden dort boten. Vor allem die Eigenkomposition “Palpatine’s dream” (ja, DER Palpatine aus Star Wars) überzeugte mich von den Fähigkeiten des Duos. Drei Alben haben die Norweger bislang veröffentlicht. Zum aktuellen Werk “3” werde ich mich hier bald noch ausführlicher äußern.

Den zweiten Slot belegte Iiro Rantala. Jazz-Freunden mag er als Gründer des Trio Töykeät bekannt sein. Die Namen deuten es schon an: Iiro stammt aus Finnland und neben beeindruckenden Fähigkeiten am Piano glänzt er durch andere typisch finnische Qualitäten: Trockener und selbstironischer Humor, der ihn auch zum Unterhalter ohne Instrument befähigen würde. “Trocken” ist ein gutes Stichwort. Grundsätzlich bewundere ich die Leber jedes Finnen. Den Wert der eigenen taxierte Iiro unter dem seiner CDs. Ferner wurde z. B. ein Lied für einen verstorbenden Freund dargeboten, welches durch den Titel “Goodbye pork pie & ham” dessen kulinarische Lebensfreude (angebliches Originalzitat des Verstorbenden: “Remember to eat between the meals”) auf dessen Beerdigung würdigte. Lebensfreude merkte man dem Künstler auch am Piano an. Viel mehr kann ich zu 45 Minuten Klavierkonzert nicht sagen. Aber das Publikum hat geklatscht. Irgendwie habe ich seit gestern weniger Respekt vor Jazz-Konzerten. Große Teile des Publikums ließen die Veranstaltung wie ein Musical für vom Leben gelangweilte Beamte erscheinen. Da bewundert man anscheinend auch gerne einfach mal “Kunst” oder freut sich, in der nächsten Pause im Lehrerzimmer über das Jazz-Konzert am Wochenende sinnieren zu können.

Besonders viel Stoff dürfte dafür der Top Act des Abends geboten haben. Nils Petter Molvaer eilt ein fast legendärer Ruf bezüglich seiner Live-Qualitäten voraus. Und dieser ist nicht übertrieben. Mit allerlei Computer-Spielereien, seiner Trompete und Begleitung durch einen Schlagzeuger und Gitarristen zaubert NPM Klangwelten und Atmosphären, welche den geneigten Zuhörer mit offenem Mund zurücklassen. Das ist zum Teil so abstrakt, dass Sigur Ros- oder Radiohead-Konzerte im direkten Vergleich als gepflegter Pop durchgehen würden. 1,5 Stunden wurde ohne Unterbrechung etwas exerziert, was laut Pressetext “die Grenzen zwischen Jazz, Ambient, House, elektronischer Musik, Dub, Break Beats, Hip Hop, Rock und Pop verschwinden lässt, um so Klangräume von größter Intensität und Tiefe entstehen zu lassen”. Das kann ich so unterschreiben und nun auch verstehen, warum seine Alben diese Atmosphäre nicht einfangen können: Dieses Klangmonster ist einfach nicht zu bändigen und in Konserven abzufüllen.

Schneidende Gitarren und treibende Beats bildeten immer wieder Höhepunkte, um durch diese Entladung Raum zu schaffen für reduzierte Momente. Da kann dann NPM auch mal viele Minuten allein am Mikro seiner Trompete atmen und pusten und der Drummer nur mit einem Becken an seinem Körper (nicht mit dem Becken seines Körpers!) trommeln ohne die Spannung merklich abzubauen.

Jedem Genre-Freund empfehle ich dringend, sich Nils Petter Molvaer in einem seiner Konzerte anzuschauen. Was “Genre” hier meinen soll ist ebenso undefiniert die “Jazz”.

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