Die besten Geschichten schreibt das Leben. Und ich schreibe mit.

Freitag, 24. November 2017

Musik: Pale Seas - Stargazing for beginners
























Die Jahresbestenlisten sind noch nicht geschrieben. 


Bei den unzähligen Shoegaze-Veröffentlichungen der letzten beiden Jahre habe ich eine Aversion gegen Künstler entwickelt, die diesem Teil der Musikgeschichte weitere Kapitel hinzufügen meinen zu müssen. Daher stimmte mich der Titel "Stargazing for beginners" skeptisch: Klar, Sterne sind potentiell spannender und vielfältiger als Schuhe, aber "gazing" klingt nun mal bedrohlich passiv.

Der Opener "Into the night" beginnt noch verhalten, aber wenig später entführen Indie-Klänge und Jacob Scotts markante Stimme in vertraute Atmosphären. Mit "My own mind" folgt direkt darauf ein starker Titel um den Weg zu bereiten für den anschließenden Hit "Someday". Schon nach drei Titeln fühlte sich dieses Album an wie eine neue Bekanntschaft, die sich sofort vertraut anfühlt. Das Niveau dieses Starts kann "Stargazing for beginners" nicht halten, aber mit "Animal tongue" folgt noch mindestens ein weiteres Highlight.

Hinter diesem Werk steht die englische Band Pale Seas. Dieses Debüt sollte eigentlich schon vor zwei Jahren erscheinen: Als Vorgruppe von The War On Drugs und mit aussichtsreicher Präsenz im Radio war der Weg geebnet. Doch die Band zog die Reißleine und sich noch einmal zurück ins Studio. Mit dem The Verve-Produzenten Chris Potter (der u.a. auf "Urban hymns" mitarbeitete) nahmen sie auf der Isle Of Wight ein intensives Album auf, welches für mich einen der Indierock-Lichtblicke des Jahres 2017 darstellt. Obwohl "Lichtblick" der dunklen Stimmung und den stellenweise bedrückenden Lyrics nicht ganz gerecht werden kann. Die Songs wurden meist mitten in der Nacht aufgenommen und nach Möglichkeit in einem Take. 

Als Referenzen werden u. a. Neil Young (vermutlich wegen einer entfernten Ähnlichkeit der Stimme), PJ Harvey und Elliot Smith genannt.  Wegen der androgynen Stimme fühle ich mich an JJ 72 und Cigarettes After Sex erinnert. "Cigarettes After Sex mit etwas Elan" ist ein passender Vergleich. 

Der Hit "Someday":


"Into the night" und "Blood return":


"Stargazing for beginners" ist:


Donnerstag, 23. November 2017

Musik: King Gizzard & The Lizard Wizard - Polygondwanaland

























Auch mit dem vierten Album in laufenden Jahr noch für Überraschungen gut. 

Fünf Alben hat King Gizzard & The Lizard Wizard für dieses Jahr angekündigt. Im Februar wurde mit "Flying microtonal banana" die mir bis dahin unbekannte mikrotonale Gitarre zelebriert. "Murder of the universe" war mit seinem Konzept aus drei Geschichten und wirrster Kombination von Musikstilen arg schwer zu greifen. Dagegen wirkte die jazzige Easy Listening-Kollaboration "Sketches of Brunswick East" mit dem Mild High Club schon wie eine Beruhigungspille. Mit Blick auf den Kalender war ich gepannt, ob die australische Band ihr Ziel noch erreichen würde. 

Nun erschien eigentlich nicht überraschend (man muss ja dieses Jahr ständig mit einem neuen Werk der Band rechnen) aber in dieser Form unerwartet das vierte Album des Jahres 2017 (und das zwölfte seit 2012). Ein Album zu verschenken ist keine neue Idee, aber King Gizzard & The Lizard Wizard legten gleich noch die Master-Dateien für die Produktion von CDs und auch LPs drauf. Findige Zeitgenossen generierten daraus umgehend ein Angebot wie diese Kickstarter-Kampagne

Die Band schafft es zweifellos, durch ihre Veröffentlichungspolitik Aufmerksamkeit zu erlangen. Aber auch die Musik an sich verdient diese. 

Der zentrale Track auf "Polygondwanaland" ist der zehnminütige Opener "Crumbling castle":

Als wesentlich kürzere Demo-Version ist dieser bereits vor gut einem Jahr aufgetaucht. Über seine Spieldauer zeigte er einige musikalischen Ideen, welche auf den Alben dieses Jahres erneut aufblitzten. Vielleicht hat diese Band tatsächlich einen Masterplan im Kopf und lebt nicht nur von im Delirium ersonnenen Gehirnfürzen. 

In seiner Gesamtheit ist "Polygondwanaland" hörbarer als "Murder of the universe", es basiert nicht auf einem neuen Musikinstrument und eine Jazz-Band als Partner war auch nicht nötig. Bei Album Nr. 1 des Jahres war ich skeptisch, ob die Ideen für fünf abwechslungsreiche Werke ausreichen. Inzwischen bin ich gespannt, welche Überraschung Nr. 5 für uns bereithalten wird. Es würde mich wundern, wenn es nicht psychedelisch klingen würde. Auf jeden Fall ist es erstaunlich, wie gut ich mich über diese vier Alben an die Verrücktheit der Band gewöhnt habe. Aus diesem Blickwinkel halte ich die Flut an Veröffentlichungen in einem Jahr für einen geschickten Zug. 

"Polygondwanaland" ist:

Mittwoch, 22. November 2017

Regiomat

Solche Automaten sind mir in jüngerer Zeit schon aufgefallen, aber diese Woche erwischte ich einen in freier Wildbahn und ich bannte ihn auf ein Bild:


Dieser erlaubt es dem Kunden, sich jederzeit mit lebensnotwendigen Lebensmitteln aus der Region zu versorgen. Dazu zählen u. a.

  • Vier Sorten Honig
  • Alblinsen
  • Schweinebraten
  • Diverse Konfitüren
  • Maultaschen (konventionell oder vegetarisch)
Die "Region" sollte durch das Warenangebot eindeutig zu bestimmen sein. 

Dienstag, 21. November 2017

Konzert aus der Konserve: Billy Corgan - Tiny desk concert

Billy Corgan aka William Patrick Corgan am Tiny desk mit Streichern und diesem Songs:
  • Tonight, tonight
  • Aeronaut
  • Mandarynne

Montag, 20. November 2017

Musik: Selig - Kashmir Karma
























Harmonisch und ereignisreich wie ein Tag in der schwedischen Wildnis. 

"Und endlich unendlich" interpretierte ich als Bekenntnis von fünf Musikern, nach einer Bandpause von neun Jahren nun "für immer" gemeinsam zu musizieren. Die erste Bandphase währte sechs Jahre und auch nach der Wiedervereinigung erwies sich dieses Gefüge über sechs Jahre als stabil. Doch 2014 verließ dann der Keyboarder Malte Neumann Selig. Das verbliebene Quartett macht sich an die Aufnahmen des siebten Albums. Dafür fand man sich über ein Jahr verteilt ca. 50 Tage in Schweden ein, um in Ruhe an den neuen Songs arbeiten zu können.

"Kashmir Karma" hätte Seligs Bandname werden können, so wurde es zumindest der Titel des siebten Albums der Band. Die Aufnahmen in der schwedischen "Wildnis" inspirierten Selig offensichtlich zu einer recht ausgeglichenen Grundstimmung. Die Hamburger wandelten schon häufig knapp diesseits der Schlager- und Deutschrock-Grenze, doch auf dem aktuellen Album wird diese mehrfach überschritten. Nun möchte ich die entsprechenden Fehltritte auf "Kashmir Karma" nicht überbewerten, aber darüber hinaus vermisse ich Seligs Alleinstellungsmerkmale. 

Plewkas Stimme ist prägnant wie immer, doch gerade bei den ruhigeren Titeln und einigen Textpassagen steht sie für vieles, was ich an Deutschrock verachte. Vielleicht hätte dieses Album mit noch mehr Erdigkeit und Zeitlosigkeit den Sprung in die "ist-halt-Blues-und-die-Herren-verkörpern-das-auch-glaubhaft"-Kategorie geschafft. So sehr ich mich über das Comeback 2009 freute, so sehr hat mich nun die Realität eingeholt. Die deutschsprachige Version des "Grunge" funktionierte über knapp zwei Alben Mitte der 90er Jahre aber heute nicht mehr. Selig hat m. E. seine Nische nach dem Comeback noch nicht gefunden.

"Unsterblich", "DJ" und "Lebenselexier" sind meine Favoriten auf "Kashmir Karma". 

Das Video zu "Nimm mich so wie du bist":


"DJ":


Die Band ist aktuell auf Tour:
  • 23.11. München
  • 24.11. Leipzig
  • 25.11. Magdeburg
  • 26.11. Berlin
  • 28.11. Hannover
  • 29.11. Bremen
  • 01.12. Freiburg
  • 02.12. Kaiserslautern
  • 03.12. Münster
"Kashmir Karma" ist:

Sonntag, 19. November 2017

Buch: Martin Becker - Marschmusik
























Melancholische Einblicke in das Leben im Ruhrgebiet für Menschen aus dem Ruhrgebiet. 

Seit ein paar Jahren führen mich meine Wege immer mal wieder durch das oder gar in das Ruhrgebiet. Ich meine so einen ersten Eindruck vom speziellen Charme der Region oder vielmehr der Menschen dort bekommen zu haben. Das machte mich neugierig und "Marschmusik" erschien mir als gute Quelle, mein Verständnis zu vertiefen.

Der Autor Martin Becker wuchs im Sauerland auf und lebt in Leipzig. Seit zehn Jahren veröffentlicht er Bücher, außerdem ist er als Journalist und Hörbuchautor tätig.

In "Marschmusik" schickt er den Protagonisten auf eine gleich vielfache Reise in den Ruhrpott. Mehrere Erzählstränge werden aufgebaut, um verschiedene Perspektiven zu bieten. Da ist der "geflohene" Sohn, der seine Mutter in seiner alten Heimat besucht und diesen (und vorherige) Besuche als beklemmend wahrnimmt. Durch Rückblicke begleitet man ihn beim Erwachsenwerden. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die angestrebte Karriere als Posaunist.

Außerdem wird geschildert, wie sich seine Eltern kennengelernt haben und wie sie zur Familie wurden. Darüber hinaus taucht stellenweise "Hartmann", ein Kumpes seines verstorbenen Vaters auf. Er provoziert und motiviert den Protagonisten zur Beschäftigung mit dessen Herkunft und Wurzeln. Zu dieser Aufarbeitung gehört auch ein Besuch in einem Stollen. 

Zweifellos erzeugt und transportiert Becker mit diesem Buch Stimmungen und Melancholie. Vermutlich funktioniert das Werk daher gut bei Menschen, die tatsächlich im Ruhrgebiet lebten und leben. Meine Erwartungen an das Buch wurden nur ansatzweise erfüllt. Entweder unterscheiden sich im Ruhrgebiet verbrachte Kindheit und Jugend nicht wesentlich von denen in anderen Teilen Deutschlands oder Beckers Schilderungen geben einfach nicht genug davon wieder. Die parallele Darstellung von Erzählsträngen kann Spannung erzeugen oder verschiedene Sichtweisen offenbaren. In "Marschmusik" leistet sie weder das eine noch das andere. 

Samstag, 18. November 2017

Musik: Angelika Express - Letzte Kraft voraus

























Karneval in Punk-Pop.

Angelika Express hatte ich vor Jahren während einer Crowdfunding-Kampagne zur Veröffentlichung von "Goldener Trash" unterstützt. Das erlaubte mir einige Einblicke in das Musikgeschäft. Auch die folgenden Veröffentlichung zeigten, dass Mastermind Robert Drakogiannakis mit viel Energie und Ideen um seine Nische in diesem Business kämpft und "Indie" lebt.  

Bei allen Experimenten blieben Pop, Punk und Indierock die Konstanten über die nunmehr 15 Jahre Bandgeschichte. Mit "Letzte Kraft voraus" erscheint nun das achte Album der Band. Aktuell besteht sie aus fünf Personen, für einige Titel konnten prominente Mitstreiter gewonnen werden: Love As Jörkk Mechenbier ist auf "Vinylbeton" zu hören, Klees Suzie Kerstgens ermöglicht das Duett "Am letzten Donnerstag im Mai" und Frank Spilker von Die Sterne unterstützt auf "Agenten".

Punkige Texte, poppige Melodien und Refrains und Indierock klingen auf "Letzte Kraft voraus" häufig irgendwie nach Karneval: Auch komplexe Sachverhalte werden auf den Punkt oder Refrain gebracht. So etwas gelingt glaubhaft wahrscheinlich nur einer Band aus Köln. 

"Vinylbeton", "Wir kommen wieder", "Comeback im Dreck" und "Mister Fantastik" sind meine Favoriten auf "Letzte Kraft voraus". 

Das Video zu "Vinylbeton":


"Letzte Kraft voraus":


Demnächst auch live:

  • 01.12. Köln
  • 15.12. Bielefeld
  • 06.01. Kaiserslautern
  • 12.01. Torgau
  • 13.01. München
  • 26.01. Ulm
  • 27.01. Rorschach, CH
  • 16.02. Husum
  • 17.02. Hamburg

"Letzte Kraft voraus" ist:

Freitag, 17. November 2017

Woher kommt das Zugessen?

Obwohl ich den Fernverkehr der DB regelmäßig nutze, verschmähe ich üblicherweise dass kulinarische Angebot an Bord. Da ließ ich mich gerne in die Zentrale des Fernverkehrs der DB einladen, um mal hinter die Kulissen zu blicken. 


Die Versuchsküche der DB hatte ich mir größer vorgestellt, aber letztendlich sind es wenige Mitarbeiter, die sich um die Planung und Entwicklung der Mahlzeiten kümmern.



Die DB setzt auf Standard-Mahlzeiten und saisonabhängige "Specials". Wir durften die Kohlrouladen probeessen, die im Februar auch in den Zügen verfügbar sein werden.

Darüber hinaus wurde das aktuelle Sortiment in Form eines "Flying Buffets" präsentiert.



Außerdem gab es viele Hintergrundinfos zu den komplexen Prozessen, die hinter der Versorgung der Passagiere stehen. Nach dieser Veranstaltung habe ich mehr Respekt vor dem kulinarischen Angebot in den Zügen der DB und vermutlich werde ich ab und zu tatsächlich den Weg ins Bordbistro wählen.  

Donnerstag, 16. November 2017

Musik: Fjørt - Couleur
























Selten klingt Wut so konstruktiv. 

Skandinavisch anmutender Band-Name, harte Gitarren und Post-Hardcore-Gesang? So etwas kann doch nur aus... Aachen kommen. Zumindest die deutschen Texte passen zur Herkunft des Trios. 2012 fanden Chris Hell, David Fings und Frank Schophaus als Fjørt zusammen. Bereits vor Veröffentlichung ihres Debüt-Album verdienten sich die Herren über viele Konzerte Live-Lorbeeren. Das zweite Album "Kontakt" erschien über Grand Hotel van Cleef 2016, nun folgt "Couleur". 

Mir fällt keine deutsche Band ein, die Post-Hardcore-Härte sowie -Intensität und (zugegebenermaßen subjektive) Hörbarkeit derart stimmig auf einen Nenner bringt. Selten wird Wut so gut konserviert und konstruktiv genutzt. Trotz aller Härte und Kante ist "Couleur" in seiner Kombination aus Post-Hardcore, Post-Rock und Alternative erstaunlich homogen geraten. Trotzdem ragen für mich die Songs "Südwärts", "Raison" und "Bastion" etwas heraus.  

Das Video zu "Magnifique":


Und das zum Titelsong:


Fjørt wird im Januar für schwitzige Atmosphäre in diesen Clubs sorgen:
  • 18.01. Münster, Gleis 22 
  • 19.01. Münster, Gleis 22 (ausverkauft)
  • 20.01. Hannover, Musikzentrum
  • 21.01. Berlin, Lido
  • 22.01. Dresden, Beatpol
  • 23.01. Leipzig, Werk 2
  • 24.01. Wien, Chelsea
  • 25.01. München, Strom
  • 26.01. Stuttgart, Universam
  • 27.01. Saabrücken, JUZ Försterstraße
  • 28.01. Wiesbaden, Schlachthof
  • 29.01. Köln, Gebäude 9
  • 30.01. Hamburg, Knust
  • 02.02. Köln, Family First Festival (ausverkauft)
"Couleur" ist: